Dies ist die Seite von Lucy

Das ist Lucy`s Krankengeschichte:

Lucy ist ein siamfarbender Teutozwerg, eine Häsin. Wie alt Lucy genau ist, wissen wir nicht. Wir denken aber aus den Angaben der Vorbesitzer (wir sind schon der 4. Besitzer), dass sie im Herbst 2000 geboren ist. Die ersten 3 Jahre wurde Lucy mit viel Vitakraft-Futter alleine in der Wohnung gehalten. Dann hatte die ein kurzes Gastspiel mit anderen Kaninchen (hat sich nicht vertragen), war dann ca. ein halbes Jahr in einer privaten Vermittlungsstelle (Aussenhaltung) und kam im Herbst 2003 zu uns. Zuerst in Gruppenhaltung (noch eine Häsin und ein kastrierter Rammler) in Innenhaltung. Im Frühjahr 2004 ist die Gruppe in einen Aussenstall umgezogen, die 3 Zwerge leben auf 2x0,7m mit nahezu täglichem Gartenauslauf. Der Stall ist mit Sägespänen und Stroh eingestreut. Heu steht immer zur Verfügung, morgens werden Möhren gefüttert und abends Trockenfutter. Leckerchen (Trockenobst) gibt es sehr selten. Lucy ist schlank, setzt aber bei entsprechendem Angebot sehr schnell an.

Die Krankheit trat Ende August 2004 aus heiterem Himmel auf. Ein etwa taubeneigroßen Abszess mitten im Gesicht; direkt auf der Schädeldecke war quasi über Nacht da. Unsere Lucy sah aus wie ein Kakadu, eine derartige Schwellung im Gesicht eines Kaninchen habe ich vorher noch nie gesehen. Der Abszess wurde im Notdienst (Sonntag) geöffnet und gespült. Es wurde ein Antibiotikum (Tetracyclin) gespritzt und die Wunde gespült und eine antibiotische Salbe eingebracht. Diese Behandlung fand nicht meine Zustimmung und auch alle gesammelten Erfahrungen standen hierzu im Widerspruch, und so sind wir am Folgetag zu "unserer" Tierärztin gegangen und haben die bewährte Abszess-Standard-Behandlung begonnen:

Orales Antibiotikum (Chloromycetinpalmitat) 2x tägliches Wundspülen mit Wasserstoffperoxyd und Kochsalzlösung mittels einer Knopfkanüle; 2x wöchentlich Wundreinigung mit dem Curettage-Löffel beim Tierarzt; 1x tägl. Einbringen von Clindamycin-Tablettenteilen in die Wundhöhle nach der Spülung; 2x tägl. Einbringen von Furacin-Sol-Salbe in die Wundhöhle nach dem Spülen; 2x tägl. Antibiotische Augensalbe (Floxal) in die Augen zum Schutz vor der Wundspülung

Das Problem bei der Behandlung war von Anfang an die schwierige Stelle und das Abwehrverhalten des Kaninchens. Beim Spülen der Wunde musste darauf geachtet werden, dass keine Flüssigkeit in die Augen gelangt. Zusätzlich bestand immer die Gefahr, dass beim Spülen mit der Knopfkanüle unmittelbar auf der Schädeldecke diese verletzt oder durchstochen wird. Das Kaninchen hielt natürlich nicht still und zuckte und zappelte. Nach etwas über einer Woche und immer neuem Eiter waren wir alle schon ganz verzweifelt.

Wir haben uns dann beraten und die Behandlung gewechselt. Nachdem die Wundhöhle noch einmal ganz gründlich von Eiter entfernt wurde, haben wir ein Depot-Antibiotikum "Doxyrobe" in diese Wunde eingebracht und damit das komplette "Loch" befüllt. Das Doxyrobe wird normalerweise bei Kieferabszessen erfolgreich eingesetzt, für uns war es ein Versuch - ein letzter Versuch. Der Unterschied zum Kieferabszess war in diesem Fall, dass nur eine Seite der Wundhöhle von Knochen begrenzt war und der Rest Haut war. Das uneinschätzbare Risiko mussten wir aber eingehen. Das Doxyrobe wird in Form eines Gels per Spritze eingebracht und härtet recht schnell aus; ähnlich wie Sekundenkleber oder Uhu. In Kieferhöhlen verbleibt es entweder für 2-4 Wochen oder für immer.

Wir haben das Doxyrobe für 2,5 Wochen in der Wunde belassen und dann den Pfropfen entfernt. Das orale Antibiotikum wurde am Tag des Einbringens abgesetzt. Die ersten Tage haben wir die antibiotische Augensalbe noch auf die Wundränder 1x täglich aufgetragen. Ein Teil wurde schon von gesundem Gewebe "rausgedrückt" es sah im Gesicht ein wenig wie ein Lavastrom aus. Leider war nach der Entfernung des Doxyrobe doch noch neuer Eiter da, wenn auch sehr wenig. Die Wunde wurde noch einmal gründlich gesäubert und erneut eine neue Doxyrobe-Füllung durchgeführt. Wieder wurde die antibiotische Augensalbe noch 2-3 Tage auf die Wundränder aufgetragen. Das Doxyrobe wurde nach 2,5 Wochen entfernt, es war kein neuer Eiter gekommen. Wir haben dann die Wunde sich schließen lassen. Das geschah ohne zügig und ohne weitere Probleme. Die Behandlung war somit erfolgreich, es ist auch kein neuer Eiter nachgekommen. Lucy ist wieder total fit, auch bei diesen kalten Temperaturen im Winter. Was aber gebleiben ist, das ist ihre Angst. Beim Krallenschneiden zuckt sie bei jedem Knipsen so zusammen, als würde man ins Leben schneiden. Das ist natürlich nicht so, sie hat helle Krallen und ich mache das ja regelmäßig und habe Übung. Zurückgeblieben ist auch der Strich quer über ihr Gesicht. Wie ein Scheitel.

Die Sache hat leider Zeit nur einen "Haken": Doxirobe steht nach dem gerade laufenden Abverkauf (30.09.2004) europaweit nicht weiter zur Verfügung. Das Präparat hat in Deutschland eine gute Akzeptanz bei der Behandlung von Zahnproblemen und Abszessen beim Kleinnager, im übrigen Europa ist es eher unbekannt. Einer erforderlichen EU- Zulassung stehen horrende Gebühren entgegen, die ein "wirtschaftlich orientiertes Unternehmen" nicht investieren kann (Originalzitat Pfizer). Das ist also das endgültige "Aus" für Doxirobe. Die erfreulichere Nachricht: Doxirobe wurde im Auftrag von Pharmacia und Pfizer von einem "Zulieferer" hergestellt, der das Präparat unter dem Namen "ATRIDOX" weiterhin zur Anwendung am Menschen herstellt und verkauft. Ist so allerdings erheblich teuerer.